
Der Museumsverband Rheinland-Pfalz hat den „Erstcheck NS-Raubgut“ abgeschlossen – eine erste Bestandsaufnahme zu NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut in kleinen und mittelgroßen Museen des Landes. Im Rahmen des Projekts wurden die Sammlungen des Roentgen-Museums Neuwied, des Stadtmuseums Bad Dürkheim, des Eifelmuseums Mayen und des Erkenbert-Museums Frankenthal (Pfalz) untersucht. Die Museen vereint eine lange Sammlungsgeschichte, die jeweils bis in das 19. Jahrhundert oder den Beginn des 20. Jahrhunderts zurückreicht. Die Untersuchungen konnten zahlreiche Objekte ermitteln, deren Herkunft unklar oder vermutlich belastet ist. In drei der vier Häuser liegen konkrete Anhaltspunkte auf NS-Raubgut vor. Für alle Museen wird eine vertiefende Provenienzforschung empfohlen.
Die Ergebnisse stellte der Museumsverband am 5. Juni im Erkenbert-Museum Frankenthal erstmals der Öffentlichkeit vor. Neben Kulturministerin Katharina Binz nahmen auch zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der Presse, Medienschaffende sowie Museumsmitarbeitende aus Rheinland-Pfalz an der Präsentation teil.
Der Erstcheck war Teil eines zweijährigen Pilotprojekts zur Provenienzforschung in rheinland-pfälzischen Museen, das vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz gefördert wurde. Zusätzlich wurde der Erstcheck mit einer Fördersumme von 40.000 Euro durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste finanziert. Die Untersuchung der Sammlungen startete im November 2024 und lief über sechs Monate. Damit wurde in Rheinland-Pfalz erstmals ein Projekt dieser Art umgesetzt.
Für die Durchführung der Erstchecks konnte der Museumsverband die Provenienzforscherin Katja Terlau aus Köln gewinnen. Die promovierte Kunsthistorikerin verfügt über langjährige Erfahrungen auf diesem Gebiet. Organisiert und koordiniert wurden die Erstchecks durch den Museumsverband Rheinland-Pfalz, unterstützt von einer auf zwei Jahre eingerichteten und vom Ministerium geförderten Koordinierungsstelle für Provenienzforschung.

Roentgen-Museum Neuwied
Neuwied

Stadtmuseum im Kulturzentrum Haus Catoir
Bad Dürkheim

Eifelmuseum Mayen
Mayen

Erkenbert-Museum Frankenthal (Pfalz) (geschlossen)
Frankenthal (Pfalz)
Das Roentgen-Museum Neuwied wurde 1928 gegründet und beherbergt eine Sammlung von knapp 5.000 Objekten. Als Alleinstellungsmerkmal des Museums gilt die sogenannte Roentgen- und Kinzing-Sammlung, die unter anderem Kunstmöbel aus der Werkstatt von Abraham und David Roentgen umfasst. In der Zeit des Nationalsozialismus sind rund 725 Objekte in die Sammlung des Museums gekommen.

Der Erstcheck konnte 31 Objekte identifizieren, deren Provenienz für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 höchstwahrscheinlich oder eindeutig belastet ist. Darunter findet sich ein Aufsatzschreibtisch aus der Werkstatt des Kunstschreiners Georg Rudolph Gambs (1775-1834). Das Möbel wurde 1940 im Berliner Kunsthandel erworben und könnte mit dem von den Nazis verfolgten Kunsthändler Heinrich Ueberall (1869-1939) in Verbindung stehen. Ueberall betrieb vor dem Zweiten Weltkrieg eine florierende Kunsthandlung. Ab 1933 war er jedoch aufgrund seiner jüdischen Herkunft Repressalien ausgesetzt, und musste schließlich seine Geschäfte aufgeben. Im September 1939 wurde er in das KZ Sachsenhausen deportiert, wo er noch im selben Monat starb.

Ebenfalls belastet: ein Konvolut von 28 Zinnobjekten, das dem Museum 1942 vom Neuwieder Finanzamt aus „Beutebeständen“ übergeben wurde, sowie je ein Herren- und ein Damenbildnis, die nachweislich aus der ehemaligen Synagoge Neuwied stammen.
Diese mit einem NS-Unrechtskontext verbundenen Objekte sollen zeitnah in der Lost Art-Datenbank eingetragen und in der Ausstellung entsprechend gekennzeichnet werden. Vonseiten des Museums ist außerdem geplant, die Herkunft der Sammlung anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Museums im Jahr 2028 im Rahmen einer geplanten Jubiläumsausstellung aufzuarbeiten.
Die Gründung des Stadtmuseums Bad Dürkheim reicht ins Jahr 1872 zurück, womit es das älteste der vier Museen ist, die am Erstcheck teilgenommen haben. Die Sammlung umfasst rund 40.000 Objekte und reicht von archäologischen Artefakten über stadtgeschichtliche Exponate bis hin zu Objekten der Weinproduktion. In der Zeit des Nationalsozialismus geriet das Museum ins Blickfeld Heinrich Himmlers, der es unter seiner Schirmherrschaft zum „Germanischen Sinnbildmuseum“ umgestalten wollte. Der Grund für dieses Vorhaben lag in der Nähe des Hauses zum Kriemhildenstuhl in Bad Dürkheim, einem römischen Steinbruch, den die Nationalsozialisten als germanische Kultstätte deuteten.

Im Rahmen des Erstchecks konnten 618 Objekte mit Bezug zur NS-Zeit identifiziert werden. Rund 200 davon wurden für den Zeitraum zwischen 1933 und 1945 als bedenklich eingestuft, da Hinweise auf einen NS-verfolgungsbedingten Entzug vorliegen:
Als eindeutig belastet gilt ein Konvolut von zehn Silberobjekten, das in einer Publikation zur Stadtchronik erwähnt wird. Die Stücke sollen aus der örtlichen Synagoge stammen, sind jedoch nicht mehr in den Museumsbeständen nachweisbar.
Im Rahmen des Erstchecks wurde außerdem eine ethnologische Sammlung entdeckt, die überwiegend aus Ostafrika stammen soll. Sie könnte als koloniales Raubgut zu bewerten sein. Zum Zeitpunkt des Erstchecks befand sich die Sammlung jedoch nicht mehr im Stadtmuseum.
Das Eifelmuseum Mayen wurde 1904 gegründet und umfasst eine Sammlung von rund 20.000 Objekten, die sich vornehmlich dem Kultur- und Naturraum der Eifel widmen. Schwerpunkte der Sammlung liegen auf Geologie und Steinindustrie sowie auf Exponaten, die ortsgeschichtliche und regionale Aspekte beleuchten. Dazu zählen Möbel, Schmuck und Gerätschaften, die das häusliche Leben und den Arbeitsalltag der Menschen in der Region widerspiegeln.

Der Erstcheck ermittelte 160 Gegenstände, die in der NS-Zeit in die Sammlung Eingang gefunden haben. Verdachtsmomente, die vornehmlich auf einer Judaika-Sammlung lagen, ließen sich teilweise entkräften. Die Untersuchungen haben gezeigt, dass vier der Objekte (zwei Matzenteller, eine Sabbathlampe und ein Bronzekessel) bereits vor 1933 in die Sammlung kamen und damit als unbedenklich gelten. Zwei Bücher weisen Provenienzlücken auf. Objekte mit einer belasteten oder bedenklichen Provenienz konnten während des Erstchecks in Mayen nicht gefunden werden.
Bei mehr als 484 Objekten aus der Mayener Sammlung ist die Herkunft jedoch als unklar zu werten. Dies hängt damit zusammen, dass ein Großteil der untersuchten Objekte erst ab Ende der 1960er Jahre ohne genaue Herkunftsangaben nachinventarisiert wurde. Für die Forschung stellt es sich somit als schwierig heraus, die Provenienz der Objekte lückenlos nachzuvollziehen. Ein Abgleich von Namen aus dem Inventarbuch mit einer Liste verfolgter und ermordeter Juden und Jüdinnen aus Mayen brachte keine Hinweise auf NS-Unrechtskontexte. Es kann in Zukunft allerdings nicht ausgeschlossen werden, dass weiterführendes Quellenmaterial entsprechende Hinweise liefert.
Das Erkenbert-Museum in Frankenthal wurde 1968 am heutigen Standort eingerichtet, während die Sammlung selbst bis ins Jahr 1892 zurückreicht. Zu der 10.000 bis 15.000 Objekte umfassenden Sammlung gehören beispielsweise Objekte aus dem Kontext des Zuzugs calvinistischer Glaubensflüchtlinge im 16. Jahrhundert, Frankenthaler Porzellane des 18. Jahrhunderts sowie Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken von Frankenthaler Künstlern bis ins 20. Jahrhundert.
Der Erstcheck ergab, dass mindestens 200 Werke zwischen 1933 und 1945 ins Museum gelangten. Alleine in den Jahren 1940-1943 gab der Altertumsverein Frankenthal, auf den die Sammlung zurückgeht, knapp 200.000 Reichsmark für Frankenthaler Porzellan aus. Hier liegt der Verdacht auf NS-Raubgut nahe. Die Objekte ließen sich jedoch im Rahmen des Erstchecks nicht identifizieren, da sie auf den Kaufbelegen nicht einzeln aufgeschlüsselt sind. Es ist außerdem davon auszugehen, dass sie im Zuge kriegsbedingter Auslagerungen entwendet wurden.

11 verschiedene Ankäufe in den Jahren 1933 bis 1945 gelten als bedenklich. Erworben wurden zwei Kupferstiche sowie diverse Frankenthaler Porzellane. Im Anschluss an das Projekt wird empfohlen, mehrere Porzellan-Figuren mit Suchmeldungen der Lost Art-Datenbank abzugleichen, was aufgrund hoher produzierter Auflagen zeitintensiv ist und daher im Rahmen des Erstchecks nicht möglich war.
Auch Objekte, die nach 1945 für die Sammlung erworben wurden, weisen eine bedenkliche Provenienz für den Zeitraum 1933 bis 1945 auf, darunter erneut Porzellan. Judaika wurden ebenfalls als bedenklich eingestuft – etwa ein Tora-Vorhang, bei dem möglicherweise eine Verbindung zur Synagoge in Speyer besteht.
Als für die NS-Zeit oder als koloniales Raubgut höchstwahrscheinlich belastet gelten 15 Objekte aus der Sammlung, darunter ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert sowie eine ethnologische Sammlung, die 2004 aus Privatbesitz in das Museum gelangte. Eine sorgfältige weitere Prüfung im Rahmen der Provenienzforschung sollte sich anschließen.


Erstcheck abgeschlossen – Verdachtsfälle identifiziert
(Pressemappe samt Bildmaterial, 05.06.25)
Start Erstcheck Frankenthal
(01.04.2025)
Start Erstcheck Mayen
(12.02.2025)
Halbzeit beim Erstcheck
(10.02.2025)
Start Erstcheck Neuwied
(25.11.2024)
Gestartet: Erstcheck NS-Raubgut
(18.11.2024)